Tag für Tag nutzen Menschen auf der ganzen Welt Tausende verschiedener Sprachen, um miteinander zu kommunizieren. Aber was bringt jemanden dazu, eine Sprache zu lernen, die nicht unbedingt zu den „wichtigen“ Sprachen gehört? Auf Duolingo werden unter den häufigsten Gründen, warum Menschen eine Sprache lernen, Schule, Arbeit sowie Reisen genannt, und eine wachsende Zahl von Menschen gibt an, die Kultur kennenlernen zu wollen. Doch seit 2022 gibt es einen neuen Grund: die Solidarität.
Seit der russischen Invasion der Ukraine im Februar 2022 hat Duolingo einen Anstieg von Ukrainisch-Lernenden (Artikel auf Englisch) auf der ganzen Welt verzeichnet. Wir haben mit vier dieser neuen Lernenden gesprochen, um herauszufinden, warum sie mit dem Erlernen der Sprache begonnen haben, wie ihre bisherigen Erfahrungen sind und welche Sprachziele sie künftig verfolgen.
Erhöhtes Interesse an der ukrainischen Sprache außerhalb Osteuropas
Die Amtssprache der Ukraine ist Ukrainisch, das das kyrillische Alphabet verwendet. Rund 32 Millionen Menschen auf der ganzen Welt betrachten diese slawische Sprache als ihre Erstsprache. Insgesamt gibt es weltweit etwa 44 Millionen Menschen, die Ukrainisch sprechen.
Nach dem Einmarsch Russlands begannen mehr als 1,3 Millionen Menschen weltweit, auf Duolingo Ukrainisch zu lernen. In Ländern wie Polen, Tschechien und Deutschland – den Ländern, die die meisten ukrainischen Flüchtlinge aufgenommen haben – gab es einen erheblichen Zuwachs an Lernenden, aber das Interesse war wirklich global. Wir wollten mit Lernenden sprechen, die außerhalb von Ost- und Mitteleuropa leben, um herauszufinden, was sie motiviert hat, Ukrainisch zu lernen.
Everest erzählt
Alter: 17
Wohnort: Raleigh, North Carolina, USA
Lieblingsausdruck auf Ukrainisch: Слава Україні! (Ruhm der Ukraine!)
Everest begann in der Mittelstufe, Ukrainisch zu lernen, weil die Großeltern eines Freundes Ukrainer waren, aber schon bald wurde die Grammatik frustrierend: Die ukrainische Grammatik unterscheidet sich in mehreren wichtigen Punkten vom Englischen. Einige Jahre später, nachdem Everest etwas Latein und Finnisch gelernt hatte, kehrte Everest zu der Sprache zurück, als ein Austauschschüler aus der Ukraine an die Schule kam. Die beiden wurden Freunde und als der Krieg begann, erwachte Everests Interesse aufs Neue – besonders, nachdem der Freund in die Ukraine zurückgekehrt war. „Als ich dieses Jahr wieder anfing, Ukrainisch zu lernen, wusste ich, dass ich mit Duolingo beginnen wollte, weil ich bereits Erfahrung damit hatte und mein Freund, der in der Ukraine lebt, sehr dafür war.“
Everest sagt, dass das Gespräch mit dem ukrainischen Freund jetzt intensiver ist als in der Schule. Dies ist eine Motivation weiterzulernen. „Je mehr wir miteinander geredet haben, desto öfter hat er Dinge gesagt wie ‚Das ergibt auf Englisch keinen Sinn‘ oder ‚Ich spreche nicht gern über solche Sachen auf Englisch … Es schränkt den Sinn ein!‘“. „[Mein Freund] hat auch angefangen, Dinge wie Memes und Lieder zu teilen, und je mehr ich mit Ukrainisch in Berührung kam, desto mehr wurde mir klar, dass ich wieder anfangen musste, es zu lernen.“
Everest hat gerade einen 100-tägigen Streak erreicht und macht stetige Fortschritte im Kurs. Obwohl Finnisch weiterhin eine große Bedeutung hat, wegen der Absicht, später einmal in Finnland zu leben, ist das Ukrainische die „emotionale Unterstützungssprache“, weil das Lernen kein konkretes Ziel hat. Everest belegt in der Schule Zusatzkurse und Programme und ist daher sehr beansprucht, was die Kapazität für Ukrainisch einschränkt. „Mein Ziel beim Lernen von Ukrainisch besteht im Moment einfach darin, den Prozess des Sprachenlernens zu genießen“, sagt Everest und fügt hinzu: „Ich glaube nicht, dass ich jemals wieder mit Ukrainisch aufhören werde.“
Nicole und Dustin erzählen
Alter: 32
Wohnort: Pittsburgh, Pennsylvania, USA
Lieblingswort auf Ukrainisch: дочка (Tochter)
Alter: 25
Wohnort: Pittsburgh, Pennsylvania, USA
Lieblingausdruck auf Ukrainisch: привіт сусід (Hallo Nachbar)
Nicole und Dustin arbeiten bei Hello Neighbor zusammen, einer in Pittsburgh ansässigen Organisation, die sich dafür einsetzt, das Leben von Flüchtlingen und Einwanderern zu verbessern, indem sie sie mit Einheimischen zusammenbringt, die sie in ihrem neuen Zuhause begleiten und unterstützen. Beide wussten bis zum Interview nicht, dass jemand anderes bei „Hello Neighbor“ ebenfalls Ukrainisch auf Duolingo lernte. Sie entschieden sich unabhängig voneinander, die Sprachlernreise anzutreten, um besser darauf vorbereitet zu sein, ukrainische Flüchtlinge willkommen zu heißen, die in ihr Büro kommen und sich in ihrer Stadt niederlassen. Beide nannten ein ähnliches Ziel: grundlegende Wörter und Sätze zu lernen. „Im Moment möchte ich wirklich einfach nur in der Lage sein, einige grundlegende Wörter und Schrift zu erkennen und mit allen Klienten, die ins Büro kommen, sprechen zu können. Einfach ein wenig Smalltalk auf Ukrainisch führen zu können“, sagt Dustin, der zum Zeitpunkt unseres Gesprächs einen 53-tägigen Streak hatte.
Nicole schloss sich Dustins Meinung an, was bestätigt, dass das Ziel des Sprachenlernens nicht immer darin bestehen muss, fließend zu sprechen. „Ich werde niemals fließend Ukrainisch sprechen“, sagt Nicole und fügt hinzu, dass sie schon immer Schwierigkeiten hatte, Sprachen zu lernen. „Für mich ist es eher eine Frage des Respekts gegenüber meinen potenziellen Klienten. Wir haben Familien, die hierher kommen und kein Englisch sprechen und bereits eine sehr intensive Anpassungsphase durchmachen. Das Mindeste, was ich tun kann, ist, wenigstens zu versuchen, meinerseits ihre Sprache zu lernen.“
Claire erzählt
Alter: 48
Wohnort: Christchurch, Neuseeland (ursprünglich aus dem Vereinigten Königreich)
Lieblingsausdruck auf Ukrainisch: мій чоловік (mein Mann)
Claire hat, wie so viele andere Ukrainisch-Lernende auf Duolingo, im März mit dem Lernen der Sprache begonnen, obwohl sie Duolingo schon seit mehr als fünf Jahren zum Sprachenlernen nutzt und Deutsch, Latein, Französisch und Spanisch gelernt hat, bevor sie sich Anfang des Jahres entschied, mit Ukrainisch zu beginnen.
Claire wollte ursprünglich Ukrainisch lernen, damit sie Berichte aus der Ukraine auf Ukrainisch verfolgen konnte. „Aber natürlich ist das eigentlich nicht der Fall, denn über das meiste, was in der Ukraine vor sich geht, wird entweder auf Englisch oder Russisch berichtet.“ Trotzdem lernt Claire weiterhin Ukrainisch und hat sich auch eine Tutorin genommen, um leichter zu lernen. „Ich hätte dieses Geld sowieso ausgegeben“, sagt sie über die Hinzuziehung einer Tutorin. „Dann kann ich es genauso gut dafür ausgeben, Ukrainisch zu lernen, und unterstütze damit nicht nur die Tutorin, sondern auch das Vermittlungsunternehmen und alle anderen, die es beschäftigt.“
Claire sagt, dass sie Duolingo normalerweise am Ende des Tages benutzt und die gamifizierten Features liebt. „Ich mag, dass wenn ich am Ende des Tages wirklich beschäftigt oder ziemlich müde bin, Duolingo kurz zwischendurch unterbringen kann. Ich kann auch mal nur das Minimum machen und habe trotzdem das Gefühl, etwas getan zu haben.“