Willkommen zu einer weiteren Woche von „Sag mal, Duolingo“, der Ratgeber-Kolumne für Sprachenlernende. Frühere Ausgaben findest du hier.
Hallo, liebe Lernende! Diese Woche haben wir eine Frage, die die Unterschiede zwischen Sprache und Schrift untersucht – und sie befasst sich auch mit dem Sprachenlernen, mit der Geschichte und mit gesprochenen Sprachen! Tatsächlich behandelt sie so viele Themen, dass ich meine Kommilitonin aus dem Studium, Dr. Hilaria Cruz, um Hilfe gebeten habe. Also, kommen wir zu unserer Frage!
Die Frage lautet:

Oh, Genau-Mein-Thema, was für großartige Überlegungen du bereits über Sprachstandardisierung (Artikel auf Englisch) und die Entstehung des Schreibens angestellt hast! Ich finde es auch toll, dass du darüber nachdenkst, Mixtekisch zu lernen. Ich habe diese Sprache 2007 etwas in Puebla, Mexiko, gelernt … obwohl ich mich jetzt nur noch an das Wort für „Hund“ erinnere (das Männer wie tina und Frauen wie china aussprechen) und daran, wie freundlich die Mixteken zu mir waren!
Als Erstes lohnt es sich, den Unterschied zwischen Sprache und Schrift festzuhalten. Eine genaue Definition von „Sprache“ könnte leicht einen ganzen Blogbeitrag (oder sogar eine Dissertation!) füllen ... doch mit „Sprache“ meine ich hier das Kommunikationssystem: die Regeln und Muster, nach denen Laute oder Zeichen kombiniert werden, Wörter und Wortgruppen zu Sätzen zusammengefügt werden und Bedeutung vermittelt wird. Sprachen können gesprochen sein (wie gesprochenes Deutsch), gebärdet (wie die deutsche Gebärdensprache) oder taktil (wie jene, die von taubblinden Menschen verwendet werden). Davon zu unterscheiden ist die „Schrift“: Sie ist eine physische, visuelle Darstellung einer gesprochenen, gebärdeten oder taktilen Sprache, jedoch nicht die Sprache selbst.
Warum haben also einige Sprachen Schriftsysteme und warum haben nicht alle eines? Und was passiert, wenn eine ungeschriebene Sprache ein Schriftsystem möchte? Wie Genau-Mein-Thema sagte, wird es interessant.
Gesprochene Sprachen vs. geschriebene Sprachen
Gesprochene, gebärdete und taktile Formen von Sprache sind alle flüchtig: Nachdem die Nachricht gesendet wurde (gesprochen oder gebärdet), verschwindet sie wieder! Die Schallwelle löst sich auf und man hofft, dass das Ohr sie rechtzeitig erfasst hat. Die Gebärde erscheint und das Auge muss sie wahrnehmen, bevor schon die nächste folgt; das taktile Zeichen nimmt kurz Gestalt an und man muss es fühlen, bevor die nächste Form ertastet wird.
Menschen sprachen und gebärdeten seit Jahrtausenden, bevor wir Möglichkeiten hatten, unsere Sprachen aufzuschreiben. Und damals waren diese schriftlosen Sprachen genau wie die Sprachen, die wir heute verwenden: Sie hatten unterschiedliche Dialekte, grammatische Muster, Möglichkeiten, komplexe Gedanken auszudrücken, Beleidigungen und höfliche Formen sowie feine Bedeutungsunterschiede. Sie verwendeten nur keine Kritzeleien auf Stein, Papier, Höhlenwänden oder Computerbildschirmen, um all diese Sprache zu teilen, nachdem die Laute oder Zeichen verklungen waren.
Das Schreiben entwickelte sich viel später, nachdem wir Menschen (vermutlich mindestens) Hunderttausende von Jahren miteinander geflüstert, gebärdet und geschrien hatten. Mit dieser neuen Technologie konnten wir als Sprachbenutzende Sprache nun über viel längere Zeiträume und größere Entfernungen hinweg weitergeben und so außergewöhnliche Taten, entscheidende geografische und medizinische Informationen festhalten ... und natürlich auch sorgfältige Zeugnisse davon hinterlassen, wer überall schon „hier war“, etwa als Gekritzel an öffentlichen Toilettentüren oder an Höhlenwänden – und all das für Menschen wie uns, die im 21. Jahrhundert auf magischen Geräten im Internet über Sprache lesen.
Heutzutage werden gesprochene Sprachen ohne Schriftsystem manchmal als „gesprochene Sprachen“ bezeichnet und dieser Begriff wurde leider häufig wertend verwendet – weniger über die Sprache selbst als über ihre Sprecher:innen (Artikel auf Englisch). Die implizite Annahme dahinter ist, dass Sprachen ohne Schriftform weniger entwickelt, weniger komplex oder in irgendeiner Weise primitiver seien.
Keine Schrift zu haben sagt wenig darüber aus, wie die Sprache ist. Video- oder Audioaufnahmen sind andere Möglichkeiten, Sprache darzustellen, aber das Fehlen eines endlosen TikTok-Feeds oder Podcasts in einer Sprache steht in keinem Zusammenhang mit ihrem Wert oder ihrer Komplexität.
Wie du siehst, ist dies eine sehr vereinfachte Antwort auf einen komplexen Prozess! Wenn du dich mehr damit beschäftigen und erfahren möchtest, wie eine bestimmte Sprache ihr Schriftsystem erhalten hat, lies unser Interview mit Dr. Hilaria Cruz (Artikel auf Englisch) über Chatino, eine indigene Sprache aus Mexiko.
Wie wir diese Sprachen bei Duolingo unterrichten
Alle Kurse, die du auf Duolingo findest, sind darauf ausgelegt, dir beim Lesen, Schreiben, Sprechen und Hörverstehen (letzte drei Artikel auf Englisch) in der Sprache zu helfen – doch bei Sprachen, die wenig Ressourcen haben, ist das schwieriger als es klingt! Für manche Sprachen, wie Jiddisch (Artikel auf Englisch), sind Audio-Tools nicht weit verbreitet, weshalb unsere Kursentwickler alle Wörter und Sätze selbst aufnehmen mussten.
Und es gibt auch besondere Herausforderungen beim Unterrichten von Sprachen mit weniger etablierten schriftlichen Standards. Wenn wir uns entscheiden, einen neuen Kurs für eine dieser Sprachen zu erstellen, verlassen wir uns auf Sprachexperten aus der Gemeinschaft.
Ein wirklich gutes Beispiel dafür war unser Kurs für Haitianisch-Kreolisch, den Duolingo im Februar 2022 gestartet hat. Haitianisch-Kreolisch (Artikel auf Englisch) wird mindestens seit dem späten 18. Jahrhundert geschrieben, doch seine Verwendung wurde von den französischen Kolonisatoren nicht unterstützt, sodass Kinder es in der Schule nicht lesen oder schreiben lernten und selbst Erwachsene kaum mit geschriebenem Haitianisch-Kreolisch in Berührung kamen. Das bedeutete, dass die Haitianer, die ihre Sprache aufschrieben, dies auf unterschiedliche Weise taten, abhängig von ihrem eigenen Dialekt und Akzent (Artikel auf Englisch), den ihnen bekannten Konventionen und den Innovationen, die sie selbst einbringen mussten. Heute gibt es Unterschiede darin, wie Haitianer Laute, Wörter und Grammatik schriftlich darstellen – das ist keine Überraschung, besonders angesichts der Größe der haitianischen Diaspora, denn es gibt überall auf der Welt Menschen, die Haitianisch-Kreolisch sprechen
Das war ein großes Gesprächsthema für unser Haitianisch-Kreolisch-Team. Es ist eine enorme Verantwortung, die eigene Sprache zu repräsentieren – eine Sprache, die Millionen von Menschen viel bedeutet – und Entscheidungen darüber zu treffen, wie man sie schriftlich darstellt, besonders wenn man weiß, dass sie unterschiedlich geschrieben wird. (Ganz zu schweigen von den verschiedenen Dialekten, wobei ein Kurs in der Regel nur einen davon behandelt.) Aber selbst wenn das Team bei einer bestimmten Schreibweise einen Konsens erzielt hat, bedeutet das nicht, dass alle Sprecher:innen des Haitianisch-Kreolischen mit diesen Entscheidungen einverstanden sind. Doch genau das sind sie: Entscheidungen über die Schreibweise – nicht unbedingt über die Sprache selbst, die ein dynamisches System ist, das von Millionen geteilt wird, sondern vielmehr darüber, welche Symbole wir verwenden wollen, um den Menschen diese gesprochene Sprache zu vermitteln.
Alle Sprachen haben das (Werk-)Zeug zum Schreiben!
Schreiben ist ein Werkzeug wie jede andere Technologie: Es ermöglicht uns, etwas Vertrautes (wie Kommunizieren!) auf eine neue Weise zu tun. Sprachen, die (noch) keine Schriftsysteme haben, sind in Bezug auf Komplexität und Nuancen in ihrem Wortschatz, ihrer Grammatik und Aussprache genauso wertvoll wie diejenigen, die welche haben. Und Gemeinschaften, die dieses Werkzeug entwickeln, um ihre Sprache darzustellen, haben viele Entscheidungen darüber zu treffen, welche Kringel und Symbole ihre Sprache und Kultur repräsentieren werden.
Es gibt noch viel mehr, das ich hinzufügen könnte – aber wir möchten wissen, worüber du gern mehr erfahren möchtest. Schreib uns doch eine E-Mail an dearduolingo@duolingo.com!