Willkommen zu einer weiteren Woche von „Sag mal, Duolingo“, der Ratgeber-Kolumne für Sprachenlernende. Frühere Ausgaben findest du hier.

Schön, dass ihr wieder da seid, liebe Lernende! Diese Woche beschäftigen wir uns mit einer Frage zur geschriebenen Sprache: Warum verwenden manche Sprachen Groß- und Kleinbuchstaben?

Die Frage lautet:

Abbildung eines Briefes an „Sag mal, Duolingo“, auf dem steht: „Sag mal, Duolingo, warum verwenden wir eigentlich Großbuchstaben? Und warum werden sie in verschiedenen Sprachen unterschiedlich eingesetzt? Vielen Dank! Groß-Und-Klein

Das ist eine interessante Frage, Groß-Und-Klein. Für manche von uns sind Großbuchstaben etwas völlig Alltägliches. Weltweit gibt es jedoch viele unterschiedliche Schriftsysteme und Sprachen, die sowohl Groß- als auch Kleinbuchstaben verwenden, sind tatsächlich in der Minderheit. Schauen wir uns an, wie in einigen Schriftsystemen – darunter Alphabeten wie dem lateinischen, kyrillischen und griechischen – diese Unterscheidung entstand.

Was sind Großbuchstaben?

Großbuchstaben (auch Majuskeln genannt) sind Buchstaben, die alle die maximale Höhe zwischen zwei (gedachten oder tatsächlichen) Linien erreichen. Bei Kleinbuchstaben (oder Minuskeln) stellt man sich vier Linien vor. Alle Minuskeln füllen den Raum zwischen den beiden mittleren Linien und einige können über diese hinaus nach oben oder unten verlängert sein.

Beispiele für Großbuchstaben oben und für Kleinbuchstaben unten. Die Großbuchstaben sind „A“, „B“, „C“, „D“, „E“, „F“, „G“ und „H“ hintereinander, wobei diese genau zwischen zwei horizontalen gestrichelten Linien stehen. Darunter stehen die Kleinbuchstaben, „a“, „b“, „c“, „d“, „e“, „f“, „g“ und „h“ auf vier horizontalen gestrichelten Linien: die oberste Linie wird von den größeren Buchstaben „b“, „d“, „f“ und „h“ erreicht, die Linie darunter befindet sich am oberen Rand der kleineren Buchstaben „a“, „c“, „e“ und „g“. Die Linie darunter berührt den unteren Rand aller Buchstaben mit Ausnahme von „g“, da der untere Rand von „g“ von der vierten Linie berührt wird.

Der Grund, warum wir manche Buchstabenarten Großbuchstaben und andere Kleinbuchstaben nennen, liegt im Buchdruck. Im 15. Jahrhundert verwendeten Druckpressen Buchstaben in unterschiedlichen Größen und Schriften, und jeder davon wurde je nach Groß- oder Kleinbuchstabe in echte, physische Kästen bzw. Behälter von Schriftarten einsortiert.

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Die Kleinbuchstaben wurden im gut erreichbaren unteren Kasten der Druckpresse gelagert, während die Großbuchstaben im oberen Kasten aufbewahrt wurden.

Kurze Geschichte der Großschreibung

Während des Römischen Reiches wurde Latein (Artikel auf Englisch) häufig für Inschriften verwendet, zum Beispiel auf dem Pantheon oder der Trajanssäule in Rom. Da Inschriften meist in Stein gemeißelt wurden, war es einfacher, gerade Linien, scharfe Kanten und nur einige grundlegende Rundungen zu verwenden. Die dafür genutzten Buchstaben – die sogenannten römischen Quadratmajuskeln – sind im Grunde genau das, was wir heute als Großbuchstaben kennen.

Der englische Begriff für Großbuchstabe, capital letter, geht ebenfalls auf das Lateinische zurück. Er stammt vom lateinischen Wort caput, das „Kopf“ bedeutet, und wurde durch das Suffix -ālis zu einem Adjektiv erweitert. Ob es nun daran liegt, dass Großbuchstaben besonders groß und markant wirken, oder daran, dass sie am Anfang eines Satzes stehen und ihn sozusagen anführen – ihr Name bringt es auf den Punkt.

1. Jahrhundert: Einfluss der Handschrift

TLDR: Nur Großbuchstaben, aber sie werden zunehmend geschwungener

Im Laufe der Zeit wurden handgeschriebene Manuskripte immer verbreiteter und mit ihnen begann sich auch die Schrift zu verändern. Die Buchstaben wurden kleiner und runder, was das Schreiben deutlich beschleunigte. Ab dem 1. Jahrhundert wurden Alltagsdokumente in einer Schrift verfasst, die man römische Kursive nennt. Obwohl einige ihrer Buchstaben bereits an unsere heutigen Kleinbuchstaben erinnern, handelte es sich bei der römischen Kursive noch um eine Majuskelschrift. Das bedeutet, dass alle Buchstaben als Großbuchstaben galten.

4. Jahrhundert: Unziale und Halbunziale

TLDR: Eine der ersten Schriften, die durchgehend Kleinbuchstaben verwendeten

Etwa im 4. Jahrhundert setzte sich eine neue Schriftform durch: die Unziale. Wie die römische Kursive, aus der sie hervorging, bestand sie ausschließlich aus gerundeten Großbuchstaben. Im Gegensatz zur römischen Kursive wurde die Unziale jedoch vor allem für Bücher und andere offizielle Dokumente verwendet.

Ungefähr zur gleichen Zeit entstand eine weitere Schrift, die Halbunziale. Trotz ihres Namens basiert sie tatsächlich nicht auf der Unziale. Die Halbunziale war eine der ersten Minuskelschriften überhaupt: Zum ersten Mal gab es Buchstaben in unterschiedlichen Größen und einige von ihnen reichten sogar über die üblichen Zeilen hinaus, nach oben oder nach unten, wie zum Beispiel der Buchstabe „p“.

8. Jahrhundert: Alles gerät durcheinander

TLDR: Kleinbuchstaben mit eingestreuten Großbuchstaben

Eine Mischung aus Groß- und Kleinbuchstaben tauchte erst mit der karolingischen Schrift im 8. Jahrhundert auf. Benannt nach Karl dem Großen, dem damaligen Kaiser des Karolingerreichs, verbreitete sich diese Schrift rasch in ganz Europa und blieb bis zum Ende des 9. Jahrhunderts vorherrschend.

In dieser Zeit wurden viele alte römische Dokumente abgeschrieben, um ihre Erhaltung zu sichern. Dabei verwendeten Schreiber eine Kombination aus der karolingischen Minuskel und Majuskelbuchstaben, die den Buchstaben der Unziale ähnelten.

Ab dem 12. Jahrhundert: Zurück zu den Wurzeln (mehr oder weniger …)

TLDR: Von der gotischen Schrift zurück zum Stil des 8. Jahrhunderts

Im 12. Jahrhundert entwickelte sich aus der karolingischen Schrift die gotische Schrift (gebrochene Schrift), die ebenfalls Groß- und Kleinbuchstaben miteinander kombinierte. Sie wurde bis ins 15. Jahrhundert verwendet, als eine neue Begeisterung für die Ästhetik und das Gedankengut des antiken Roms entstand. Gelehrte der Renaissance entdeckten in alten Handschriften eine besonders schöne Schrift, von der sie annahmen, sie stamme aus dem alten Rom – tatsächlich handelte es sich jedoch um Abschriften aus dem 8. und 9. Jahrhundert in karolingischer Minuskel. 👀

Die Gelehrten der Renaissance passten diese (mittelalterliche) karolingische Schrift an und verfeinerten sie weiter, indem sie Großbuchstaben hinzufügten, die der römischen Majuskelschrift (Capitalis monumentalis) ähnelten. Das Ergebnis ist im Grunde der Schriftstil, den wir heute verwenden.

Warum werden Großbuchstaben in verschiedenen Sprachen unterschiedlich verwendet?

In den ersten Jahrhunderten, in denen Groß- und Kleinbuchstaben nebeneinander verwendet wurden, gab es keine festen Regeln dafür, wann welcher Buchstabentyp eingesetzt werden sollte. Großbuchstaben wurden häufig für Wörter wie Eigennamen oder für alles verwendet, was als besonders wichtig oder hervorhebenswert galt.

Mit der Zeit begannen sich jedoch Standards herauszubilden. Zwischen dem 17. und 19. Jahrhundert wurden zahlreiche Wörterbücher veröffentlicht. In dieser Phase entstanden auch Sprachakademien wie die Académie française (für das Französische) und die Real Academia Española (für das Spanische), die begannen, Rechtschreibung, Grammatik und die Verwendung von Groß- und Kleinbuchstaben festzulegen. Da diese Institutionen zu verschiedenen Zeiten gegründet wurden und unterschiedliche Sprachen betrachteten, entwickelten sich die Regeln je nach Sprache sehr unterschiedlich. Hinzu kommt, dass manche Sprachen wie das Englische überhaupt keine offiziellen Standards oder entsprechenden Institutionen hatten.

Viele Sprachen haben Rechtschreibreformen durchlaufen oder durchlaufen sie noch immer, weshalb sich die Regeln zur Groß- und Kleinschreibung im Laufe der Zeit verändert haben – sogar innerhalb ein- und derselben Sprache. So wurden im Englischen früher viele gewöhnliche Substantive großgeschrieben (wie man etwa in der Verfassung der USA sehen kann), doch diese Praxis hat sich nicht durchgesetzt. Heute ist Deutsch die einzige größere Sprache, die mit dem lateinischen Alphabet geschrieben wird und noch immer alle Substantive großschreibt.

Eigennamen (wie „Lilli“, „Brasilien“) Substantive allgemein (wie „Mädchen“, „Land“) Sprachen (wie „Koreanisch“) Pronomen „ich“ Formelle Pronomen
Englisch ✖️ (nicht zutreffend)
Französisch ✖️ ✖️ ✖️ ✖️
Deutsch ✖️
Italienisch ✖️ ✖️ ✖️
Norwegisch ✖️ ✖️ ✖️
Spanisch ✖️ ✖️ ✖️ ✖️

Schreibe das Sprachenlernen groß!

Auch wenn es heute nicht offensichtlich ist: Großbuchstaben waren früher der Standard und unsere Kleinbuchstaben sind eine spätere Entwicklung. Heutzutage unterscheiden sich die Regeln zur Groß- und Kleinschreibung stark von Sprache zu Sprache, sodass das Lernen einer neuen Sprache oft auch bedeutet, sich neue Regeln zur Großschreibung einzuprägen.

Bei weiteren Fragen rund um das Thema Sprache und Lernen schreib uns eine E-Mail an dearduolingo@duolingo.com.