Es sind nicht nur Anfänger:innen, die beim Sprechen oder wegen ihres Akzents unsicher sind – auch beim Sprechen der eigenen Sprache können Unsicherheiten oder Ängste auftreten.
Wurde dir schon einmal gesagt, dass du in der Sprache, die du am besten sprichst, etwas falsch gesagt hast? Das passiert ständig! Viele Deutschsprachige sagen zum Beispiel, dass es in vielen Fällen falsch sei, den Indikativ statt des Konjunktivs zu verwenden, besonders bei indirekter Rede („Er sagt, er hat keine Zeit“, statt „Er sagt, er habe keine Zeit“). Zahlreiche Englischsprachige bestehen darauf, dass man nie einen Satz mit einer Präposition beenden sollte, z. B. Who are you talking to? (Mit wem sprichst du?). Im Französischen wiederum wird häufig die Person korrigiert, die sagt, sie gehe au coiffeur (zum Friseur) statt chez le coiffeur (zum Friseur, wörtlich: zum Haus des Friseurs). Und das spanische Verb haber („es gibt“ oder „es existiert“) wird im Subjunktiv oft als haiga verwendet, obwohl viele sagen, dass die einzig korrekte Subjunktivform haya ist.
Wenn du noch eine andere Sprache als Deutsch, Englisch, Französisch oder Spanisch kennst, hast du wahrscheinlich ähnliche Einstellungen auch in Bezug auf diese Sprache gehört.
Diese „Regeln“ sind jedoch völlig willkürlich. 🤯 Tatsächlich sind manche Ausdrucksweisen, die in einer Sprache als „falsch“ gelten, in einer anderen Sprache die einzige grammatisch mögliche Form. Ein Beispiel sind doppelte Verneinungen: Kinder, die mit Englisch aufwachsen, lernen, dass man nicht I didn’t do nothing (Ich habe nichts getan, wörtlich: Ich habe nicht nichts gemacht) sagen soll und stattdessen immer I didn’t do anything (Ich habe nichts gemacht – also einfache Verneinung). Im Spanischen funktioniert der Satz ohne doppelte Verneinung jedoch nicht, weshalb man immer No hice nada hören wird (Ich habe nichts gemacht, wörtlich: Ich habe nicht nichts gemacht).
Nicht nur das: Im Französischen gilt es sogar als der bessere Stil, jedes Mal zwei Negationswörter zu verwenden, wie in Je n’ai rien fait (Ich habe nicht nichts gemacht). Es ist zwar äußerst verbreitet, nur das zweite der beiden Negationswörter zu benutzen, zum Beispiel J’ai rien fait, aber das ist auf informelle oder gesprochene Sprache beschränkt – es wäre ungewöhnlich, dies in einer wissenschaftlichen Abhandlung zu lesen oder in einer politischen Rede zu hören.
Warum also loben wir manche sprachlichen Merkmale und verurteilen andere? Finden wir es heraus!
Was gilt in einer Sprache als „guter Stil“ oder „richtig“?
Typischerweise gilt jene Sprachvariante als „korrekt“, die von den Machthabenden (Artikel auf Englisch) verwendet wird. Das können zum Beispiel hellhäutige Menschen sein, der männliche Teil der Bevölkerung, Angehörige höherer sozialer Schichten oder eine Kombination solcher Faktoren. Es ist nicht so, dass Machthabende eine besonders logische, schöne oder gute Art zu sprechen wählen würden. Vielmehr wird ihre Art zu sprechen – wie auch immer diese aussieht – zum „Standard“. Mit der Zeit kann dieser Standard sich einbürgern und dann über Jahrzehnte oder sogar Jahrhunderte bestehen bleiben, obwohl sich allgemein die Art, wie Menschen sprechen, ständig verändert.
Die „Regeln“ der Sprache, von denen wir normalerweise hören, stammen meist aus diesem prestigeträchtigen Standard. Tatsächlich gibt es jedoch zwei Arten von Regeln: solche, mit denen Menschen anderen vorschreiben wollen, wie sie sprechen sollen, und solche, die beschreiben, wie eine Gemeinschaft eine Sprache tatsächlich verwendet.
Die im Folgenden fett geschriebenen Aussagen (die in diesem Beitrag bereits angeführt wurden) sind Beispiele für die erste Art von Regeln – also für solche, mit denen man anderen sagt, wie sie sprechen sollen. Schauen wir sie uns noch einmal an, um zu sehen, dass es eigentlich kein großes Problem ist, diese „Regeln“ zu brechen, denn das macht die Sprache weder weniger genau noch weniger logisch oder weniger korrekt, als wenn man sich daran hält.
- Beende niemals einen Satz mit einer Präposition! Diese Regel wurde ursprünglich von einem englischen Bischof aufgestellt, der wollte, dass Englisch dem Lateinischen ähnlicher wird. Doch Englisch ist keine romanische Sprache und es gibt keinen Grund, warum es schlechter sein sollte, einen Satz mit einer Präposition zu beenden, als diese an eine andere Stelle im Satz zu setzen. Außerdem klingen die meisten Sätze, die mit einer Präposition enden, z. B. What were you talking about?(Worüber hast du gesprochen?), für Englischsprechende viel natürlicher als die umformulierte Version (About what were you talking?), selbst wenn sie wissen, dass diese angeblich „korrekt“ sein soll.
- Chez le coiffeur, chez le médecin usw. Chez bedeutet im Grunde „bei jemandem zu Hause“ oder „an seinem Ort“. Diese Regel stammt angeblich aus Zeiten, als Menschen noch oft am selben Ort lebten und arbeiteten. Wenn man also zu einem Friseur oder Arzt ging, ging man tatsächlich meist zu ihnen nach Hause. Für die meisten Dienstleistungen, die man heute nutzt, trifft das wahrscheinlich nicht mehr zu. Deshalb ist es nicht besser, chez le médecin(„zum Arzt“, wörtlich: „zum Haus des Arztes“) zu sagen alsau médecin(„zum Arzt“) – beide Varianten ergeben Sinn.
- Haiga vs. haya: Dies ist ein Beispiel für eine analogische Veränderung, das heißt, Sprecher:innen wenden Regeln von anderen Wörtern auf ein ähnliches Wort an. Genau wie bei den unregelmäßigen Konjunktivformen traiga(vontraer, bringen) undcaiga(voncaer, fallen) wurde die Endung ‑aiga auch an haber angehängt. Die Verwendung von haiga ist mindestens seit dem 17. Jahrhundert belegt und war früher sogar weitgehend akzeptiert.
Strukturierte, systematische Erklärungen wie die obigen zeigen, dass jede Sprache in ein grammatisches System eingebettet ist, selbst wenn wir denken, dass eine Regel gebrochen wird. Im Spanischen gilt zum Beispiel als „Standard“-Aussprache, dass alle geschriebenen s-Laute ausgesprochen werden, wie in buenos días (guten Morgen), weshalb viele Dialekte am Ende beider Wörter ein s sprechen würden. In anderen spanischen Dialekten, besonders in der Karibik, ist es jedoch üblich, viele geschriebene s-Laute nicht auszusprechen, je nachdem, welcher Laut vor oder nach dem s steht – hör dir zum Beispiel an, wie Bad Bunny aus Puerto Rico (Artikel auf Englisch) buenos días ausspricht! Dies ist nicht nur eine weit verbreitete Art von Lautwandel (Artikel auf Englisch) in vielen Sprachen der Welt, sondern es hat sich bereits im Französischen vollzogen.
Welchen Einfluss haben unsere Ansichten über Sprache auf uns selbst?
Unsere sprachlichen Vorurteile haben ihre Wurzeln in Politik, Kultur und persönlichen Lebenserfahrungen. Diese Faktoren wirken zusammen und prägen, wie wir mit Menschen umgehen, die andere Dialekte oder Sprachen verwenden. Aber nicht alle Vorurteile sind negativ. Wenn man zum Beispiel mit mehreren verschiedenen Akzenten aufwächst, kann es leichter sein, auch Akzente zu verstehen, die man vorher noch nie gehört hat (Seite auf Englisch).
Sprachliche Vorurteile können jedoch auch zu linguistischer Diskriminierung führen, also zu einer unfairen Behandlung von Menschen, die Sprache anders verwenden. Manchmal wird das als Humor oder Neckerei getarnt, doch die Stigmatisierung von Dialekten hat reale Folgen für die Menschen, die diese Dialekte sprechen. Negative Wahrnehmungen darüber, wie jemand spricht, können Bildungspolitik, das jährliche Einkommen und sogar den Zugang zu Wohnraum (Seiten auf Englisch) beeinflussen. Und aufgrund ungleicher Machtstrukturen werden Dialekte, die von Schwarzen Menschen und von Einwanderern verwendet werden, häufiger als „nicht standardsprachlich“ bezeichnet.
Sprachliche Vorurteile können viele verschiedene Mechanismen der Ungleichheit auslösen – von fehlenden Bildungschancen bis hin zu unfairen Entlohnungspraktiken. Das kann entmutigend sein, denn wir wissen nur zu gut, dass Sprache im besten Fall Neugier auf eine neue Gemeinschaft wecken und neue Wege dahin bieten kann (und sollte), Empathie für Familie, Freund:innen und Nachbar:innen zu entwickeln.
Sprache ist mit Identität und Ausdruck verbunden
Wie wir Sprache verwenden, spiegelt wider, wer wir sind. Wie eine Person spricht, hängt mit ihrer Identität zusammen, zum Beispiel damit, wo sie aufgewachsen ist und in welcher Kultur sie groß geworden ist.
Die Meinungen oder Vorurteile, die jemand mit einem bestimmten sprachlichen Merkmal verbindet, können positiv sein (z. B. „Oh! Ich frage mich, ob sie aus dem Süden kommen, so wie ich!“), negativ (z. B. „Oh Mann, sie haben dieses Wort anders verwendet – wissen die wirklich, wovon sie sprechen?“) oder neutral (z. B. „Oh, das ist kein Wort, das ich oft höre.“).
Ein und dasselbe sprachliche Merkmal kann tatsächlich je nach Sprecher:in aufgrund bestehender Vorurteile als positiv, negativ UND neutral wahrgenommen werden. Schwarze Content-Creators, die afroamerikanisches Englisch (Artikel auf Englisch) verwenden, haben darauf hingewiesen, dass sie weniger Engagement erhalten (Aufrufe, Kommentare, Likes und Shares), was weniger Einkommen pro Beitrag bedeuten kann. Weiße Content Creators hingegen können sprachliche Merkmale, die aus dem afroamerikanischen Englisch übernommen wurden, nutzen, um mehr Engagement zu erzielen. Aufgrund von Vorurteilen werden also dieselben sprachlichen Merkmale bei manchen Sprecher:innen positiv bewertet und bei anderen nicht. Und erneut zeigt sich, dass das Privileg, sowohl festzulegen, was als korrekt gilt, als auch jeden beliebigen Dialekt zu verwenden, nur einflussreichen Personen vorbehalten ist – in diesem Fall weißen Englischsprecher:innen.
Sprecher:in eines Dialekts zu sein, der als nicht standardsprachlich wahrgenommen wird, ist nicht immer etwas, das man einfach ablegen kann – und das sollte man auch gar nicht müssen. Die eigene Sprache ist ein wichtiger Teil dessen, was einen zu der Person macht, die man ist. Deshalb fühlt es sich zumindest beleidigend an, wenn ein Teil der eigenen Identität abgesprochen oder stigmatisiert wird, und im schlimmsten Fall sogar erniedrigend.
Was können wir also tun?
Nachdem du nun die schwerwiegende Realität sprachlicher Vorurteile und Diskriminierung kennengelernt hast, fragst du dich wahrscheinlich: „Was kann ich tun?“
- Entwickle ein Bewusstsein dafür und sensibilisiere andere. Wenn man sich der Ungleichheiten in der Sprache bewusst wird, kann das helfen, die negativen Vorstellungen über nicht standardsprachliche Dialekte zu verringern. Diese negative Wahrnehmung ist tief in unserer Gesellschaft verankert, und viele Menschen merken es nicht einmal. Teile diesen Beitrag deshalb mit Freund:innen und deiner Familie, und nimm dir etwas Zeit, über mögliche eigene Vorurteile nachzudenken.
- Recherchiere selbst. Gibt es einen bestimmten Akzent oder Dialekt, zu dem du eine Verbindung hast oder der dich besonders interessiert? Wenn man sich mit den Feinheiten verschiedener Dialekte beschäftigt, kann das den Blick für sprachliche Vielfalt deutlich erweitern. Informiere dich deshalb über unterschiedliche Dialekte und nutze dabei verlässliche Quellen, um sie besser zu verstehen.
- Sei neugierig. Gerade beim Sprachenlernen ist es wichtig, auf sprachliche Unterschiede zu achten. Du könntest Menschen aus verschiedenen Ländern oder Regionen begegnen, die die Sprache, die du lernst, anders sprechen, als du sie gelernt hast. Anstatt diese Varianten als „richtig“ oder „falsch“ zu bewerten, tauscht euch darüber aus. Dabei können beide Seiten etwas lernen.
Jede:r einzelne Sprecher:in hat unterschiedliche Lebenserfahrungen, die dazu beitragen, wie die betreffende Person ihre Sprache(n) spricht. Außerdem entspricht ohnehin niemand immer und in allen sprachlichen Merkmalen vollständig dem sogenannten Standard. Wenn du also das nächste Mal einen anderen Dialekt oder Akzent hörst, ziehe nicht sofort Rückschlüsse auf die Person, sondern staune über die Schönheit sprachlicher Vielfalt!