Sprachwandel ist unvermeidbar: Alte Wörter verschwinden aus dem Sprachgebrauch oder erhalten andere Bedeutungen, völlig neue Wörter entstehen, die Aussprache verschiebt sich, Grammatikregeln verlieren ihre Gültigkeit und das Verständnis dessen, was als höflich oder vielleicht als ironisch gilt, verändert sich.

Wenn jedoch eine Gemeinschaft einen plötzlichen Umbruch erlebt oder Jahrzehnte oder Jahrhunderte von Umwälzungen übersteht, können Sprachen sich drastisch – und in einem hohen Tempo – verändern. Der zu einer solchen Entwicklung führende Sprachkontakt – wenn Sprecher:innen von zwei oder mehr Sprachen regelmäßig miteinander interagieren – kann durch positiv motivierten Austausch entstehen, z. B. durch den Handel mit Waren, oder aber mit politischem Aufruhr oder Unterdrückung zusammenhängen. Es ist nie vorauszusehen, welche Folgen dies für die Sprache der Gemeinschaft bringen wird: Wird sie sich verändern, von anderen übernommen werden, entsteht eine neue Sprache oder geht die Sprache unter?

Wir beschreiben hier vier Fälle von Sprachkontakt, die nur einige der Möglichkeiten zeigen, wie Sprachen sich infolge von Umbrüchen – politischer und persönlicher Art – verändert haben.

Fall 1: Der Zweite Weltkrieg und die jiddische Diaspora

Eine Möglichkeit, wie Sprache sich verändert, ist durch Flüchtlingsströme, die zu einer zeitlich begrenzten Zuwanderung von Sprecher:innen in ein neues Gebiet führen. Dadurch kann es geschehen, dass sich eine Sprachgemeinschaft plötzlich inmitten einer völlig anderen Gemeinschaft wiederfindet. Nehmen wir Jiddisch (Artikel auf Englisch) als Beispiel: Diese Sprache wurde über ein Jahrtausend in Mittel- und Osteuropa gesprochen, bis zum Zweiten Weltkrieg, ist aber heute nicht mehr so weit verbreitet. Warum?

Während des Holocaust wurden Millionen jüdischer, jiddischsprachiger Menschen umgebracht, und diejenigen, die überlebten, emigrierten und übernahmen die Sprachen der Länder, in denen sie Aufnahme fanden, darunter die USA, Mexiko und Argentinien. Als Flüchtlinge bemühten sich aschkenasische Jud:innen, ihre Sprache in ihren neuen Gemeinschaften so gut wie möglich zu bewahren und gleichzeitig gemeinsam mit ihren Kindern eine neue Sprache zu erlernen. Nun, viele Jahre später, verwenden die Angehörigen der jüngeren Generationen in den USA überwiegend Englisch, und in einigen Gemeinschaften wurde Jiddisch zur Sprache hauptsächlich der älteren Generationen. 

Dennoch hat das Jiddische dort, wo es große jüdische Gemeinden gab (wie z. B. in New York), in anderen Sprachen Spuren hinterlassen. Im Laufe der Zeit breitete sich sein Einfluss weit über New York hinaus aus: Tatsächlich stammen englische Wörter wie Bagel und Spiel oder der gebräuchliche Ausruf „Oy!“ aus der jiddischen Sprache. 

Fall 2: Spanisch im Südwesten der USA

Die Verwendung des Spanischen im Südwesten der USA ist Ergebnis einer anderen Art von Sprachkontakt, diesmal zwischen Englisch und Spanisch, und zwar über viele Jahrhunderte hinweg. Spanisch wird in Nordmexiko und im Südwesten der USA verwendet, seit die Spanier im 16. Jahrhundert Mexiko und große Teile des amerikanischen Kontinents kolonisierten. Allmählich entfernten sich die spanischen Dialekte in diesen Regionen immer weiter vom Spanisch in Spanien. Auch die verschiedenen Varianten des Spanischen, die auf dem amerikanischen Kontinent gesprochen werden, wurden im Laufe der Zeit immer unterschiedlicher. (Dabei handelt es sich um eine normale Entwicklung von Sprachen und Dialekten [Artikel auf Englisch]!)

In den Jahrhunderten nach der ersten Kolonisierung veränderte sich im Südwesten der USA vieles: Zahlreiche indigene Gemeinschaften und die von ihnen gesprochenen Sprachen wurden ausgelöscht oder gezwungen, in Reservate umzusiedeln, englischsprachige Kolonisatoren wanderten aus den an der Ostküste neu gegründeten Vereinigten Staaten ein, und die Gebiete wechselten von Spanien zu Mexiko, dann zur unabhängigen Republik Texas und schließlich zu den Vereinigten Staaten. Während sich die Grenzen und Regierungen um sie herum fortlaufend veränderten, sprachen die Menschen weiterhin die Sprachen, die sie seit Generationen verwendeten. Dadurch kamen Spanischsprachige regelmäßig und häufig mit englischsprachigen Menschen in Kontakt, oft unter Zwang, und viele lernten Englisch – entweder zusätzlich zum Spanischen oder anstelle des Spanischen.

Ein weiterer Faktor, der zur sprachlichen Landschaft des Südwestens der USA beiträgt, sind enge familiäre, kulturelle und geografische Verbindungen zu Mexiko und Lateinamerika, wodurch weiterhin spanischsprachige Menschen in diese Region kommen, im Nachzug zu Verwandten oder aus wirtschaftliche Gründen, und hier mit ihren Familien leben. Heutzutage bedeutet dies, dass die Menschen im Südwesten der USA je nach Kontext und in unterschiedlichem Maße entweder hauptsächlich Englisch, hauptsächlich Spanisch oder eine Kombination aus beidem sprechen.

Der jahrhundertelange kontinuierliche Kontakt zwischen Englisch und Spanisch hat beide Sprachen in den Dialekten dieser Region verändert. Chicano-Englisch ist eine der Varianten des US-Englisch, die in diesem Gebiet gesprochen werden, und in Teilen des Wortschatzes, der Grammatik und der Aussprach erinnert es an Spanisch (selbst bei Sprecher:innen, die kein Spanisch können!). In ähnlicher Weise spiegeln die spanischen Dialekte in dieser Region ebenso die Gemeinschaften wider, die sie verwenden. Sie enthalten einige Merkmale der spanischen Dialekte im Norden Mexikos, doch daneben wurden Wörter und Grammatikregeln aus dem Englischen übernommen. Und die doppelsprachigen Mitglieder dieser Gemeinschaften haben mit dem Codeswitching neue Wege entwickelt, ihre Sprachen zu kombinieren (Artikel auf Englisch).

Fall 3: Pidgin- und Kreolsprachen in Afrika und Amerika

Manchmal handelt es sich nicht um eine zusammenhängende homogene Sprachgemeinschaft, die eine Ortsveränderung vollzieht, wie im Fall des Jiddischen, sodass es dann nicht um die Frage geht, ob man die „Heimatsprache“ im Gegensatz zu einer bestimmten „neuen“ Sprache verwendet. Die Sklavenhalter:innen und Kolonisator:innen in Amerika trennten oft bewusst afrikanische Sklav:innen voneinander, die dieselbe Sprache sprachen, damit sie sich nicht zusammentun und rebellieren konnten. Ohne eine gemeinsame Sprache zur Kommunikation improvisierten die Sklav:innen und entwickelten neue Sprachen aus Lauten, Vokabular und Grammatik der Kolonialsprache, ihrer verschiedenen Heimatsprachen und anderer indigener amerikanischer Sprachen aus der Region. Diese kombinierten Sprachen werden manchmal Pidgin- und Kreolsprachen genannt. Zu ihnen gehören eine Reihe von Sprachen in der Karibik (wie Haitianisch-Kreolisch), in Mittel- und Südamerika (wie Garifuna und Palenquero) (beide Artikel auf Englisch) sowie in den USA (wie Gullah).

Auch in Afrika, auf der anderen Seite des transatlantischen Sklavenhandels, entstanden neue Sprachen. Weiße Kolonisator:innen beherrschten große Teile Afrikas und sie brachten ihre Sprachen mit, darunter Englisch, Deutsch und Portugiesisch. Wie in Amerika führte dieser erzwungene Sprachkontakt zu zahlreichen Pidgin- und Kreolsprachen, wie dem Kamtok (Pidgin-Englisch, das in Kamerun gesprochen wird, einem der sprachlich vielfältigsten Länder der Welt). In Kamerun legten deutsche Kolonisator:innen Plantagen an, auf denen Gruppen aus versklavten Einheimischen gebildet wurden, die keine gemeinsame Sprache hatten. Kamtok entstand als lingua franca (eine Art gemeinsamer Sprache) für Kameruner:innen und Kolonisator:innen, und die Sprache wurde zur Standardsprache für die Kommunikation zwischen Einwohner:innen Kameruns mit unterschiedlichen sprachlichen Hintergründen. Als im 19. Jahrhundert englischsprachige Missionar:innen ins Land kamen, war Kamtok die Sprache, die sie lernen mussten, um mit den Kameruner:innen zu kommunizieren!

Kamerun erlebte mehrere Kolonialherrschaften: Zuerst war es eine deutsche Kolonie, dann wurde es zwischen Briten und Franzosen aufgeteilt. Schließlich schloss sich im Jahr 1961 die eine Hälfte des britischen Teils Nigeria an und die andere Hälfte dem französischen Kamerun. Im Ergebnis ist nach Jahrhunderten von weltpolitischen Ereignissen und Kolonisierung Kamerun das einzige afrikanische Land, in dem nur Englisch und Französisch Amtssprachen sind, obwohl im ganzen Land nahezu 300 Sprachen gesprochen werden. Wie man sich vorstellen kann, bedeutet das, dass die Einwohner:innen Kameruns häufig keine andere gemeinsame Sprache haben, sodass man auf Märkten im ganzen Land oder an Orten mit viel Sprachkontakt meist viel Pidgin hört.

Fall 4: Arabisch, Französisch und der Einfluss der Machthabenden

Bisher haben wir hier einige Fälle betrachtet, in denen Gruppen von Menschen gezwungen waren, an einen anderen Ort zu ziehen, und sich damit ihre Sprache veränderte. Aber es kommt auch vor, dass sich Sprachen verändern, wenn neue Menschen an einen Ort hinzukommen, zur neuen herrschenden Gruppe werden und sich die Sprache der Gemeinschaft infolgedessen weiterentwickelt und anpasst. In der Regel sind diese Fälle politisch antagonistisch – das heißt, eine Gruppe dringt wahrscheinlich in ein anderes Land ein und errichtet eine neue Herrschaft oder Regierung. 

Im Fall des Spanischen kamen arabischsprachige Mauren aus Nordafrika und eroberten den Großteil der spanischen Halbinsel. Die lokale Bevölkerung wurde zwar nicht versklavt wie in Fall 3, doch die muslimischen Eroberer etablierten schnell ihre Herrschaft. Infolgedessen wurden viele arabische Wörter ins Spanische übernommen, besonders Begriffe aus den Bereichen Verwaltung (alcalde „Bürgermeister“, aldea „Dorf“) und Nahrungsmittel (aceituna „Olive“, albahaca „Basilikum“, berenjena „Aubergine“), aber auch viele andere (wie almohada „Kissen“, alfombra „Teppich“ und ojalá „wenn doch nur, hoffentlich“). Ein Hinweis darauf, dass ein spanisches Wort wahrscheinlich aus dem Arabischen stammt, ist al- am Wortanfang – „al“ steht im Arabischen für „der/die/das“. Und im Ausdruck ojalá sieht man „Allah“ direkt im spanischen Wort!

Ein weiteres Beispiel dafür, wie eine neue herrschende Klasse die Sprache beeinflusste, gab es in Russland. Peter der Große bemühte sich, das Russische Reich zu europäisieren, förderte die europäische Einwanderung nach Russland und war von allem besessen, was mit Westeuropa zu tun hatte – er holte sogar europäische Handwerker ins Land, damit sie beim Bau russischer Städte halfen! Im Laufe der Jahrhunderte wurde das Russische von Wörtern aus dem Deutschen, Französischen und Italienischen beeinflusst, was wir heute in Begriffen in den Bereichen Essen, Architektur und städtische Umgebung sehen:

  • бутерброд (buterbrod, „belegtes Brot“) aus dem Deutschen
  • макароны (makarony, „Pasta“) aus dem Französischen oder Deutschen (die das Wort wiederum aus dem Italienischen übernommen haben)
  • купол (kupol, „Kuppel“) aus dem Italienischen
  • балкон (balkon, „Balkon“) aus dem Französischen
  • плакат (plakat, „Poster“) aus dem Französischen placard
  • шоссе (schosse, „Allee") aus dem Französischen chaussee

Sprache spiegelt die Geschichte einer Gemeinschaft wider

Sprache, ihre Verwendung durch eine Gemeinschaft oder innerhalb einer Familie und die Entscheidungen, die jede:r Einzelne:r bezüglich der eigenen Sprachverwendung trifft – das alles ist in hohem Maße persönlich und zugleich auch politisch, da beeinflusst durch Machtstrukturen auf nationaler und globaler sowie sogar auf häuslicher Ebene. Wenn Menschen plötzliche Veränderungen durchleben, ist ihre Sprache als Teil ihrer Kultur von der Unsicherheit betroffen.