Den Wert der Figuren im Schach könnte man mit Geld vergleichen: Beides dient dazu, den relativen Wert einer Sache festzulegen. Mithilfe des Figurenwertes können Schachspieler:innen den Wert ihrer Figuren einschätzen. Und wie du für ein 10-Euro-T-Shirt keine 100 Euro geben würdest, so würdest du im Schach auch nicht (jedenfalls nicht normalerweise) deine Dame gegen einen einfachen Bauer tauschen!


In diesem Beitrag:

Schachgrundlagen: Der Figurenwert

Im Schach ist der Figurenwert ein System, das jeder Figur anhand ihrer Zug- und Angriffsmöglichkeiten einen Zahlenwert zuweist. Es gibt unterschiedliche Ansätze – hier stellen wir dir die am weitesten verbreitete Methode vor.

Der Figurenwert bietet eine Grundlage, die Stärke der Figuren schnell einzuschätzen, insbesondere beim Vergleich von Figurenkombinationen – zum Beispiel einem Turm und einem Bauern gegen einen Läufer und einen Springer.

Der Wert der Schachfiguren hilft, den relativen Wert der Figuren einzuschätzen. Der relative Wert hängt damit zusammen, wie viele Felder eine Figur zu einem beliebigen Zeitpunkt erreichen oder kontrollieren kann. Ein Bauer kann sich beispielsweise nach dem ersten Zug immer nur ein Feld nach vorne bewegen und greift lediglich zwei Felder an, während die Dame sich bis zu sieben Felder weit in alle Richtungen bewegen kann und gleichzeitig bis zu 27 Felder kontrolliert. Dadurch ist die Dame eine deutlich stärkere Figur als ein Bauer, weshalb sie mit 9 Punkten bewertet wird, während der Bauer nur 1 Punkt wert ist.

Der Figurenwert ist jedoch nur eine Orientierung und keine feste Regel. Er hilft dabei zu entscheiden, ob ein Tausch vorteilhaft ist, und die Materialbilanz insgesamt einzuschätzen. Er eignet sich jedoch nicht dazu, mit Sicherheit vorauszusagen, wer gewinnt. Warum nicht? Weil es im Schach nicht darum geht, Punkte zu sammeln, sondern den Gegner mattzusetzen!

Ein:e Spieler:in kann materiell im Vorteil sein (also insgesamt mehr Punkte haben, wenn man die Werte der Figuren beider Seiten vergleicht) und trotzdem verlieren, wenn der eigene König angegriffen wird. Umgekehrt kann ein:e Spieler:in Material opfern und dennoch gewinnen, weil seine:ihre Figuren besser positioniert sind, besser zusammenarbeiten oder gegnerische Figuren aktiv bedrohen.

Der Wert der einzelnen Schachfiguren

Dies ist das Standardsystem der Figurenwerte:

Figur Figurenwert
Bauer 1 Punkt
Springer 3 Punkte
Läufer 3 Punkte
Turm 5 Punkte
Dame 9 Punkte
König Unschätzbar wertvoll (ohne ihn hat man verloren)!

Diese Werte dienen als Grundlage, Abtausche einzuschätzen. Beispiele:

  • Der Abtausch eines Turms (5 Punkte) gegen einen Läufer (3 Punkte) ist normalerweise keine gute Wahl, weil man dadurch 2 Punkte Material verliert.
  • Der Abtausch eines Läufers (3 Punkte) gegen einen Springer (3 Punkte) ist in der Regel ein ausgeglichener Tausch, weil dabei Materialpunkte weder verloren noch gewonnen werden.

Warum Figurenwerte in einer Partie variieren können

In echten Partien ist der Wert einer Figur tatsächlich relativ und verändert sich ständig. Obwohl ein Springer nach dem gängigen System immer als eine Figur mit 3 Punkten gilt, kann derselbe Springer je nach aktueller Stellung und seiner Position auf dem Schachbrett weniger als 3 Punkte wert sein. Ein Springer, der beispielsweise ganz in der Ecke des Bretts feststeckt, ist nicht so wertvoll wie ein Springer auf einem starken Vorposten in der Brettmitte. Obwohl beide Springer einen Wert von 3 Punkten haben, wird man den Springer in der Ecke wahrscheinlich lieber abtauschen wollen als den Springer in der Brettmitte, den man um jeden Preis behalten möchte.

Hier sind sechs Aspekte, die du bei den Punktwerten berücksichtigen solltest:

1. Kombinationen entsprechen nicht unbedingt der Summe ihrer Punktwerte.
Zwei Läufer zusammen (das sogenannte Läuferpaar) gelten oft als etwas stärker als ein Läufer und ein Springer oder zwei Springer. Ebenso können drei Leichtfiguren manchmal stärker sein als eine Dame, da sie durch ihre Zusammenarbeit gemeinsam angreifen und sich sogar doppelt oder dreifach auf ein Ziel konzentrieren können, während die einzelne Dame Schwierigkeiten haben kann, alle Angriffe abzuwehren.

2. Die Aktivität der Figuren spielt eine Rolle.
Der tatsächliche Wert einer Figur hängt stark davon ab, wie aktiv sie ist. Ein Läufer, der hinter den eigenen Bauern eingesperrt ist, kann kaum nützlich sein, während ein zentral positionierter Springer das ganze Spielbrett kontrollieren kann. In extremen Fällen kann eine schlecht platzierte Figur praktisch nur noch wie ein „überteuerter“ Bauer wirken.

3. Gleiche Abtausche sind nicht immer gleichwertig.
Auch wenn zwei Figuren denselben Punktwert haben, kann es trotzdem ein Fehler sein, sie gegeneinander abzutauschen. Einen aktiven Läufer (also einen Läufer, der auf einer offenen Diagonale viele Felder angreifen kann) gegen einen passiven Springer (einen Springer, der nur wenige Felder kontrolliert oder am Rand bzw. in der Ecke steht) zu tauschen, kann einen bestehenden Vorteil verringern. Außerdem kann das Aufgeben eines wichtigen Verteidigers in der Nähe des eigenen Königs die eigene Stellung erheblich schwächen.

4. Bauern werden im Laufe des Spiels wertvoller.
Je näher ein Bauer der Umwandlung kommt, desto wertvoller wird er – besonders dann, wenn er von anderen Bauern in seiner Nähe unterstützt oder geschützt wird.

Ein Bauer auf der sechsten oder siebten Reihe kann deutlich mehr als 1 Punkt wert sein, da er knapp davor ist, sich in eine Dame zu verwandeln. Deshalb muss man alles tun, um das Vorrücken der gegnerischen Bauern zu verhindern, und häufig müssen wertvollere Figuren für Bauern geopfert werden, die kurz vor der Umwandlung stehen.

5. Nicht alle Bauern sind gleich wertvoll.
Die Mittelbauern sind normalerweise wertvoller, weil sie wichtige Felder kontrollieren.

Die Randbauern (die Bauern auf den beiden Seiten des Schachbretts, also die Bauern auf den Linien a und h) sind tendenziell weniger wirkungsvoll.

6. Die Stellung beeinflusst den Figurenwert.
Der Wert einer Figur hängt auch von der Struktur der Partie ab:

In offenen Stellungen werden weitreichende Figuren (Läufer, Türme, Damen) stärker.

In geschlossenen Stellungen gewinnt der Springer oft an Wert, weil er über blockierte Geraden hinweg springen kann und sich leichter bewegt.

Opfer

Wenn der Figurenwert absolut wäre, würde es niemals Sinn ergeben, freiwillig Material aufzugeben. Aber im Schach kann das Aufgeben von Material eine gewinnbringende Taktik sein. Dies nennt man Opfern: den bewussten Verlust von Material, um dafür einen anderen Vorteil zu erlangen.

Zu diesen Vorteilen zählen:

  • Geöffnete Linien: das Schaffen neuer Wege, um den gegnerischen König anzugreifen
  • Entwicklung: das schnellere Aktivieren der eigenen Figuren im Spiel
  • Initiative: den:die Gegner:in dazu zu zwingen, auf Bedrohungen zu reagieren
  • Bauernstruktur: das Erzeugen eines schwachen Bauern (oder mehrerer schwacher Bauern!) im gegnerischen Bereich
  • Stellung: die Kontrolle wichtiger Felder oder das Schaffen langfristiger Schwächen

Zum Beispiel kann man eine Dame opfern, um ein Schachmatt zu erzwingen, oder einen Bauern opfern, nur um eine Linie für den Turm zu öffnen.

💡
Materialgewinn ist nur eine Möglichkeit, im Vorteil zu sein. Starke Schachspieler:innen wissen, wann sie sich am Figurenwert orientieren sollten – und wann sie ihn besser ignorieren!

Verbessere deine Taktik: Lerne den Figurenwert!

Der Figurenwert ist ein praktisches Hilfsmittel, aber er ist erst der Ausgangspunkt. Sobald du lernst, den Wert jeder Figur auch anhand ihrer Stellung, ihrer Zusammenarbeit mit anderen Figuren, der Strategie und taktischen Möglichkeiten zu beurteilen, wirst du anfangen, Schach auf eine völlig neue Art zu sehen!