Willkommen zu einer weiteren Woche von „Sag mal, Duolingo“, der Ratgeber-Kolumne für Sprachenlernende. Weitere Ausgaben findest du hier.
Hallo, liebe Lernende! Wenn du dir jemals vorgenommen hast, eine neue Sprache zu lernen, dann ist dir die folgende Frage sicherlich bereits in den Sinn gekommen – und die Antwort darauf ist komplexer, als du vielleicht denkst!
Die Frage lautet:

Lieber Spätzünder: Du bist überhaupt nicht zu spät dran! Es stimmt zwar, dass es ein Zeitfenster in der Kindheit gibt, in dem unser Gehirn besser darin ist, eine Sprache aufzunehmen (Experten bezeichnen dies auch als „kritische Periode“ oder „sprachsensible Phase“), doch beim Spracherwerb spielen noch viele andere Faktoren eine Rolle – und es gibt viele Gründe, warum du auch jetzt noch eine Sprache lernen solltest. Sehen wir uns das einmal genauer an.
Was ist die kritische Periode?
Die „kritische Periode“ bezeichnet eine Zeitspanne in der Kindheit, in der es Sprachlernenden offenbar besonders leichtfällt, eine Sprache zu lernen. Das Gehirn von Kindern ist auf Spracherwerb ausgelegt – so viel wissen wir! Doch einige wichtige Fragen sind noch offen:
Wann endet die kritische Periode?
Genau wie beim Laufenlernen oder beim ersten ausgefallenen Milchzahn entwickelt sich jeder Mensch in seinem eigenen Tempo – es ist daher nicht leicht, diese Frage zu beantworten. Die Forschung legt das Ende der kritischen Periode für das Erlernen einer Zweitsprache irgendwo zwischen das siebte und das dreizehnte Lebensjahr. Möglicherweise gibt es mehrere kritische Perioden, darunter eine andere, frühere Phase für den Erwerb der Erstsprache sowie für viele weitere Bereiche der menschlichen Entwicklung.
Was geschieht nach der kritischen Periode?
Im Allgemeinen versteht man die kritische Periode als Zeitfenster, in dem es dir leichter fällt, eine zweite Sprache zu lernen, und nicht als Zeitraum, in dem das überhaupt erst möglich ist. So, wie du auch dein gesamtes Leben lang auch in deiner Muttersprache neue Wörter lernst, kannst du in jedem Alter eine neue Sprache lernen!
Wenn (überhaupt) die kritische Periode endet, bist du also nicht plötzlich unfähig, eine neue Sprache zu lernen (schließlich lernen viele im Erwachsenenalter noch eine zweite Sprache) – du musst möglicherweise nur deine Lernweise anpassen.
Kurze Erklärung
Viele Forschende führen die kritische Periode zumindest teilweise auf die neuronale Plastizität zurück, also auf die Fähigkeit des Gehirns, neue Informationen aufzunehmen und sich an sie anzupassen. Das leuchtet ein: Kleine Kinder lernen und verändern sich jeden Tag so stark, dass ihr Gehirn darauf vorbereitet sein muss.
Diese Fähigkeit, Informationen aufzunehmen und neue Verbindungen zu bilden, verschwindet jedoch nicht einfach im Erwachsenenalter. Im Gegenteil: Bestimmte Aktivitäten und Erfahrungen können die neuronale Plastizität im Erwachsenenalter sogar fördern – darunter, du kannst es dir vielleicht schon denken, auch das Erlernen einer Sprache! 🤯
In vielen Aspekten des Sprachenlernens kannst du dir Kinder zum Vorbild nehmen (Artikel auf Englisch), aber du hast auch Vorteile, die Kinder nicht haben! Hier sind einige Faktoren, die beeinflussen, wie du eine zweite Sprache lernst und wie du im Vergleich zu Kindern abschneidest:
Kontakt
Damit ist gemeint, inwieweit du von der Sprache umgeben bist. Es ist schwer, mit Kindern bei ihrer Sprachumgebung mitzuhalten, denn sie baden buchstäblich vom ersten Tag an in ihrer Sprache. Trotzdem gibt es Möglichkeiten, den Kontakt mit deiner Lernsprache zu maximieren: Du kannst die Sprache auf Reisen anwenden, soziale Medien zu deinem Vorteil nutzen (beide Artikel auf Englisch), Filme und Serien mit Untertiteln anschauen oder die Sprache deines Handys ändern (letzter Artikel auf Englisch).
Bedarf
Wir sprechen viel über Kontakt und Bedarf, aber „Bedarf“ bedeutet im Grunde nichts anderes als Motivation. Kinder haben eine unglaubliche Motivationsquelle: Für uns Menschen ist Sprache unser effizientestes Kommunikationsmittel und ohne sie besteht für Kinder die Gefahr, missverstanden zu werden! Auch als Erwachsener kann die Motivation jedoch aus vielen verschiedenen Quellen stammen: Vielleicht möchtest du dich mit einem geliebten Menschen (Artikel auf Englisch) besser verständigen, Freund:innen helfen, ihre Ziele zu erreichen, deine Lieblingsmusik oder -serien (letzte zwei Artikel auf Englisch) besser verstehen oder einfach dein Gehirn aktiv halten!
Keine Angst vor Fehlern
Fehler sind beim Sprachenlernen notwendig, doch als Erwachsene neigen wir dazu, sie vermeiden zu wollen – oft zu unserem eigenen Nachteil! Wenn du Kinder in deinem Umfeld hast, weißt du, dass sie ihre Gedanken, Gefühle und Ideen meistens schneller äußern als der:die durchschnittliche Erwachsene (manchmal auch in den unpassendsten Momenten 😳). Gib deinem inneren Kind Raum und denk daran: Etwas auszuprobieren und dabei Fehler zu machen ist besser, als es gar nicht erst zu versuchen!
Explizites Lernen
Bevor Kinder in die Schule kommen, lernen sie fast ausschließlich durch implizites Lernen. Das bedeutet, dass sie durch Erfahrungen lernen, statt dass ihnen ausdrücklich Regeln beigebracht werden. Implizites Lernen ist großartig (es ist ein wichtiger Bestandteil unserer Duolingo-Methode!), aber du hast als Erwachsene:r den Vorteil, dass du ganz gezielt Fragen zu den Dingen stellen kannst, die dir in deiner neuen Sprache nicht klar sind, und dir Hilfe von Freund:innen, Lehrkräften oder aus dem Internet holen kannst.
Erfahrungen in der realen Welt
Kinder lernen so viel zusätzlich zur Sprache! Wenn sie zum Beispiel das Wort „Hund“ lernen, müssen sie gleichzeitig herausfinden, worauf sich „Hund“ genau bezieht: Sind damit alle Tiere mit Fell gemeint? Nur ihr eigenes Tier zu Hause? Oder etwas ganz anderes?! Das bedeutet zwar, dass sie sich keine Gedanken über den L1-Transfer machen müssen (so nennt man es, wenn man versehentlich Regeln aus der eigenen Muttersprache auf die Lernsprache überträgt), aber ihnen fehlt die Lebenserfahrung, die es ihnen ermöglicht, die Bedeutung eines neuen Wortes zu erraten oder anhand des Kontexts (Artikel auf Englisch) fehlende Informationen zu erschließen.
Konkrete Ziele
Kinder beginnen nicht mit dem Ziel, „fließend zu sprechen“, also sollte das auch nicht dein Ziel sein! Warum? Fließend zu sprechen ist ein vages Ziel, für das es viele verschiedene Definitionen gibt. Diese Definitionen sind oft zu streng und spiegeln nicht wider, was du mit mittleren (oder sogar grundlegenden) Sprachkenntnissen tatsächlich erreichen kannst. Konzentriere dich stattdessen auf konkrete Lernfortschritte, freu dich über jeden noch so kleinen Erfolg und denk daran, dass es nicht viel braucht, um von den zahlreichen Vorteilen des Sprachenlernens zu profitieren.
Du weißt es nicht, bevor du es ausprobierst!
Ganz unabhängig von deinem Alter verfügst du bereits über alle Mittel, die du für das Erlernen einer neuen Sprache brauchst. Und sobald du angefangen hast, stellst du vielleicht fest, dass du gar nicht mehr aufhören möchtest!
Für Antworten auf weitere Fragen rund ums Thema Sprachen und Sprachenlernen schreib uns eine E-Mail an dearduolingo@duolingo.com.